Jules Boucher

Der Weg des Martinismus

Jules Boucher

Martinismus gründet auf die spirituelle Lehre von  Louis-Claude de Saint- Martin, dem Unbekannten Philosophen.

Louis-Claude de Saint-Martin

Louis-Claude de Saint-Martin wurde am 18. Januar 1743 in Amboise geboren und starb am 13. Oktober 1803 in Aulnay in der Nähe von Sceaux. Die zeitliche Einordnung seiner Existenz ist wichtig, da er in einer sehr unruhigen Epoche lebte. Louis-Claude de Saint-Martin studierte Jus und war Rechtsanwalt in Tours. Dieser Beruf gefiel ihm jedoch nicht sonderlich und so erhielt er 1765 das Offizierspatent im Regiment von Foix. Seine Aufnahme in dieses Regiment wurde entscheidend für seinen Lebensweg als Philosoph. Einerseits weil ihm sein neuer Beruf Zeit für Freizeitaktivitäten lies, andererseits weil er so den Hauptmann De Grainville kennenlernte, der zu einer Gemeinschaft gehörte, die von Martines de Pasqually gegründete worden war.

Martines de Pasqually

Bevor wir hier weitermachen, sollten ein paar Worte zu Martines de Pasqually gesagt werden, dessen Schüler und Sekretär Louis-Claude de Saint-Martin war. Geburtsdatum, Geburtsort und Nationalität von Martines sind nicht bekannt. Einige behaupten, er sei Jude gewesen, jedoch gibt es dafür keine Beweise. Andere behaupten, er habe portugiesische Wurzeln, da er 1772 ein Erbe in Santo Domingo antrat und sein eifriger Schüler De Grainville von den Antillen war. Wieder andere glauben, dass er aus Grenoble kam. Tatsächlich ist nichts genaues über seine Herkunft überliefert.

Von 1754 bis zu seinem Tod 1774, also zwanzig Jahre, arbeitete Martines de Pasqually am Aufbau seines L’Ordre des Chevaliers Maçons Élus Coëns de l’Univers (Auserwählte Priester, Elus Cohen). Im Jahr 1754 gründete er in Montpellier das Chapitre des Juges Ecossais (Kapitel der schottischen Richter).1761 schloss er sich der Loge La Française in Bordeaux an und gründete darin den Coën-Tempel. Die Loge La Française wurde 1764 umbenannt in „La Francaise Elue Ecossaise“, um durch den Namen zu betonenen, dass diese Vereinigung ein Kapitel mit hohen Rängen besaß. Die Führung der L’Obédience Maçonnique schaffte 1766 jedoch das bisherige Hochgradsystem ab und reduzierte es auf drei Klassen: Lehrling, Geselle, Meister. Das Kapitel wurde aufgelöst. Noch im gleichen Jahr ging Martines de Pasqually nach Paris und gründetet dort mit Bacon de la Chevalerie, Jean-Baptiste Willermoz, Fauger d’Ignéancour, dem Graf von Lusignan, Henri de Loos, De Grainville und einigen anderen einen neuen Coën-Tempel. 1768 lernt er Louis-Claude de Saint-Martin kennen.

Dieses Kennenlernen war für beide von großer Bedeutung. Die Persönlichkeit und Lehre von Martines de Pasqually macht nachhaltigen Eindruck auf Saint-Martin. Umgekehrt beeinflusst ihn auch Saint-Martin. Saint-Martin endet 1771 seinen Militärdienst und wird der Sekretär Martines. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit mit Saint-Martin wird der Orden Élus Coëns, den Martines bis dato nicht sehr organisiert geführt hatte, strukturiert und präzisere Vorgaben, Riten etc. entstehen.1773 geht Martines de Pasqually nach Santo Domingo, wo er am 30. September 1774 stirbt.

Die Abhandlung über die Wiedereinsetzung

Martines de Pasqually fasste seine Lehre in dem Buch „Abhandlung über die Wiedereinsetzung der Wesen in ihre ursprünglichen geistigen und göttlichen Eigenschaften, Kräfte und Mächte“ zusammen. Dieses Buch wurde 1899 von der Bibliothek Chacornac veröffentlicht. Davor gab es nur Manuskripte, die sich unterschieden. Die Essenz blieb aber stets die gleiche. Dieses Werk ist sehr schwierig zu verstehen, so dass es den Leser leicht entmutigt. Martines beschreibt darin seine Theorie vom Sündenfall und der Wiedereinsetzung. Bereits ein paar Auszüge können eventuell einen groben Eindruck über das Gesamtwerk von Martines vermitteln:

„Und es begab sich, dass Gott in seiner göttlichen Unermesslichkeit spirituelle Wesen zu seinem Ruhme erschuf… Die Wesen waren frei und anders als ihr Schöpfer und Er konnte ihnen nicht ihren freien Willen untersagen, der ihnen gegeben wurde, ohne in ihnen auch das Talent, die Eigenschaften, die geistigen und spirituellen Tugenden zu zerstören, die sie benötigten um innerhalb der Grenzen, auf die ihre Macht beschränkt ist, exakt handeln können. (S. 7)

Wie konnten diese (spirituellen Wesen) nur die göttliche Ewigkeit aufgeben? Indem sie versuchten den Ewigen ihnen gleich zu setzen, den Schöpfer als Ihresgleichen betrachteten, und Er folglich aus ihnen spirituelle Wesen entspringen lassen musste, die sofort ebenso von sich selbst abhängig waren, wie von demjenigen, der sie hervorgebracht hat. Das bezeichnen wir das Prinzip des bösen Geistes, sicher seiend, dass jeder böse Wille, den der Geist ersinnt, vor dem Schöpfer ein Verbrechen ist, selbst wenn er gar nicht in die Tat umgesetzt wird. Um diesen einfachen, verbrecherischen Willen zu bestrafen, wurden die Geister durch die alleinige Macht des Schöpfers an Orte der Unterwerfung verbannt, an Orte der Entbehrung und des unreinen Elends – dem Gegenteil ihres spirituellen Daseins, das aufgrund seines göttlichen Ursprungs rein und schlicht war… (S. 11–12)

Kaum hatten Dämonen und entartete Geister begriffen, was sie mit ihrem Emanations-Willen, der ähnlich des Schöpfers ist, bewirken können, wurden sie bereits vom Schöpfer für eine unendlich lange Zeit in einen Ort der Finsternis verbannt. Dieser Fall und diese Bestrafung beweisen, dass der Schöpfer Gedanken und Willen seiner Geschöpfe nicht ignorieren kann. Der Schöpfer hört dieses Denken und diesen Willen – ob gut oder schlecht – und nimmt ihn an oder stößt ihn fort. Es ist also falsch unter dem Vorwand, das alles aus dem Schöpfer entspringe, zu behaupten auch das Böse käme von ihm. Dem Schöpfer entsprang jedes Wesen das spirituell, gut, heilig und vollkommen ist. Nichts Böses ist in ihm und kann aus ihm hervorgehen. Aber woher kommt dann das Böse? Ich sage, das Böse entspringt dem Geist und wird nicht erschaffen…“ (S. 17-18).

Die Abhandlung über die Wiedereinsetzung ist ein kompaktes Werk mit ungefähr 400 Seiten, ohne jegliche Gliederung durch Paragrafen oder Kapitel. Oft kommentiert Martines die Heilige Schrift und erklärt hebräische Namen. Es wird behauptet, wie bereits zuvor erwähnt, dass Martines des Pasqually Jude sei. In folgendem Text unterscheidet er nun die Bedeutung der Worte Jude, Hebräer und Israelit:

„Das Wort Jude bedeutet rechtschaffen; und die jüdische Sprache ist die Sprache der Heiligkeit des göttlichen Geistes, der alles Handeln dieser rechtschaffenen Menschen leitet. Das Wort Hebräer beschreibt die Nachkommen eines Weisen Mannes, den die Bibel Heber nennt; und die hebräische Sprache ist die Sprache der Nachfahren Hebers. Diese Sprache unterscheidet sich jedoch von der jüdischen Sprache, denn unter den Nachkommen Hebers ist kein einzig wirklich rechtschaffener Mensch oder Jude und der Ewige hat seither niemanden auserkoren, der dieser Nachkommenschaft diese wahrhaftige Sprache, die sie verloren hat, vollkommen lehrt, obwohl sie meint sie zu haben und sehr genau zu befolgen. Ich verwende hier das Wort Israelit, obwohl der Name Israel in der Zeit von der ich spreche, noch nicht bekannt war. Israel heißt „stark gegen Gott“ und Israelit bedeutet „stark in Gott“. Deshalb nenne ich die weisen Nachfahren Noahs so. All das lehrt uns, dass das Wort „Hebräer“ soviel heißt wie „Verwirrung“ und dass der Name Israel, der diesem Volk vom Schöpfer gegeben worden war, „stark gegen Gott“ heißt. Nichts auf der Welt ist schöner und stärker gegenüber dem Schöpfer als das Gebet und die Anrufung der Juden, und nichts ist gleichgültiger und verzehrender als das Herz der Hebräer. Das darf uns nicht wundern, da dieses Volk keine göttlichen Gesetze hat und sich mit dem Zeremoniell eines Gesetzes begnügt, das ihm schändlich entrissen wurde…“ (S. 193-194).

Der Meister von Louis-Claude de Saint-Martin

Louis-Claude de Saint-Martin stand zwar unter dem Einfluss von Martines de Pasqually. Aber es gab noch einen anderen „Meister“, den man nicht vernachlässigen sollte: Jakob Böhme. Der deutsche Mystiker Jakob Böhme wurde 1575 geboren und starb 1624. Er schrieb zahlreiche Werke in einem ganz speziellen Stil, unter Verwendung alchimistischer oder auch hermetischer Terminologie.

Saint-Martin war von den Schriften von Jakob Böhme begeistert und übersetzte mehrere ins Französische. Saint-Martin hat in „Portrait de Saint-Martin“, die auf ihn wirkenden Einflüsse zusammengefasst. In diesem von ihm verfassten Selbstportrait, das in seinen Posthumen Werken veröffentlicht wurde, schreibt er:

„Ich verdanke dem Werk von Abbadie mit dem Titel „Die Kunst der Selbsterkenntnis“ meine Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltlichen.

Dank Burlamaqui habe ich einen Sinn für Dinge, die der Vernunft und dem Gerechtigkeitssinn des Menschen von Natur aus gegeben sind. Martines de Pasqually verdanke ich meine Einführung in die höheren Wahrheiten und Jakob Böhme die wichtigsten Schritte, die ich in diesen Wahrheiten tat.“

Die Abhandlung „Die Kunst der Selbsterkenntnis, oder die Erforschung der Quellen der Moral“ von Jacques Abbadie wurde 1692 veröffentlicht und mehrmals neu aufgelegt. Abbadie war ein protestantischer Theologe (1654-1727) mit sehr gutem Ruf. Saint-Martin wurde zwar erst 1743 geboren, war aber genau wie Böhme, ein Schüler Abbadies (posthum). Burlamaqui, der in Genf geboren wurde und dort auch starb (1694-1748), war Jurist und Philosoph. Seine Werke wurden unter dem Titel „Prinzipien des Natur- und Menschenrechts“ veröffentlicht. Der einzige noch lebende Meister mit dem sich Saint-Martin beschäftigte war folglich Martines de Pasqually. Oft wird behauptet, auch Swedenborg, ein schwedischer Mystiker, der von 1688 bis 1772 lebte, habe Saint-Martin beeinflusst. Da Saint-Martin ihn nie erwähnt, ist das jedoch zweifelhaft.

Die Persönlichkeit von Louis-Claude de Saint-Martin

Louis-Claude de Saint-Martin war kein Schüler im herkömmlichen Wortsinn. Er hatte sehr früh seine eigene Persönlichkeit ausgebildet. In den Lehren von Martinès kommen den Arbeiten eine große Bedeutung zu. Diese Arbeiten (Operationen) bestanden darin das wachzurufen, was Martines „die Sache“ nannte und sich nur in „Durchgängen“ zeigte, also flüchtig und hell leuchtend erschien.

Saint-Martin verweigerte diese Arbeiten, da sie ihm zu „irdisch“ waren. Sind so viele Arbeitsschritte notwendig, um zu Gott zu beten, sagte er. Saint-Martin war ein Freimaurer, fand im Freimaurertum jedoch nicht die hohe Spiritualität, nach der er verlangte und ließ seinen Namen von der Liste streichen, in der er geführt wurde,.

Martines war ebenfalls Freimaurer. Aber da er sich vornehmlich der Einführung und Erneuerung des Hochrangsystems widmete, gelang es ihm nicht, das Freimaurertum so umzugestalten, wie er es sich wünschte.

Das Buch von Irrtümern und Wahrheit

Sein erstes Werk „Irrtümer und Wahrheit Oder: Rückweiß für die Menschen auf das allgemeine Prinzip der Erkenntnis“, wurde 1775 mit folgendem Untertitel veröffentlicht: Ein Werk, darin die Beobachter auf die Ungewissheit ihrer Untersuchungen und auf ihre beständigen Fehltritte geführt werden,und ihnen solcher Weise der Weg angedeutet wird, den sie hätten gehen müssen, um die physische Evidenz zu erhalten über den Ursprung des Guten und des Bösen, über den Menschen, über die materielle Natur über die immaterielle Natur und die heilige Natur, über die Basis der politischen Regierungen, über die Autorität der Souveräns, über die bürgerliche und peinliche Gerechtigkeit, über die Wissenschaften, die Sprachen und die Künste. Von einem unbekannten Philosophen.

Saint-Martin verfasste dieses Werk während er bei Willermoz in Lyon zu Gast war.

„Willermoz und ein kleiner Kreis Ergebener beschäftigten sich bereits während Saint-Martin daran schrieb nach und nach mit dem Werk. Sie diskutierten darüber, was gesagt und was verschwiegen werden sollte. Das war keine leichte Entscheidung und oft wurde gestritten. Die besten Beweise für eine Existenz der nicht-irdischen und göttlichen Welt waren genau die, auf deren Geheimhaltung sie einen unbrechbaren Eid geschworen hatten. Wie klar konnte man Vorstellungen vermitteln über das „Warum und Wie von Dingen, deren Kenntnis schon immer einer kleinen Gruppe vorenthalten war“?

„Sie kamen überein, dass solch wertvolle Wahrheiten nur verschlüsselt zum Ausdruck gebracht werden dürften, um die heiligen Verpflichtungen zu schützen, die seit Jahrhunderten von den Eingeweihten Verschwiegenheit und Diskretion forderten.“

Das erklärt die vielen Unklarheiten und das viele Zögern in diesem Buch.

Jean-Baptiste Willermoz

Der soeben erwähnte Jean-Baptiste Willermoz verdient es, dass man sich etwas ausführlicher mit ihm beschäftigt. Willermoz wurde 1730 in Lyon geboren und starb dort im Jahr 1824. Er wurde bereits 1750 im Orden der Freimaurer aufgenommen und gründete 1753 die Loge „Parfaite Amitié“ zu deren Stuhlmeister er ernannt wurde. Er organisierte das Freimaurertum in der gesamten Region von Lyon und wurde 1762-63 Großmeister der Mutterloge. 1766 wurden nachdem zahlreiche Wirren das Freimaurertum schwer gezeichnet hatten, die Treffen durch einen Erlass verboten und der Graf von Clermont, der zu dieser Zeit Großmeister war, verkündete, dass die Großloge von Paris („Comite Directeur de Paris“) die Arbeit niederlegen würde. Im gleichen Jahr lernte Willermoz den Orden von Martines de Pasqually kennen und wurde in Versailles von Martines persönlich aufgenommen.

1771 erhielt Willermoz seine Unterweisungen nicht mehr von Martines, sondern von Louis-Claude de Saint- Martin, dessen System und Arbeitsweise er sehr schätzte. Willermoz war ein Mystiker, der sehr auf Erfahrungen (d.h. Kontaktaufnahme zu Geistern, Wundererfahrungen) fixiert war, obwohl er ständig enttäuscht wurde.

 

Tatsächlich hinterließ Martines den „Martinesismus“ und Saint-Martin den „Martinismus“ – zwei Lehren, die zwar nicht gegensätzlich, aber dennoch verschieden sind.

Die Werke von Saint-Martin

Das zweite Werkt von Saint-Martin war die Tafel über die Art der Beziehungen, die zwischen Gott, dem Menschen und dem Universum existieren, das 1782 veröffentlicht wurde. Dieses Werk wurde 1900 von Papus (Gerard Encausse) nochmals gedruckt und 1946 neu aufgelegt. Es umfasst 22 Kapitel, weshalb darin häufig eine Analogie zu den 22 Arkana des Tarot dargelegt wird.

Danach folgten: Der Suchende (L’homme de desire, 1792), Seht welch ein Mensch (Ecce Homo, 1792), Der neue Mensch (Le nouvel homme, 1792), Philosophische und religiöse Betrachtungen der französischen Revolution (Considerations philosophiques et religieuses sur la Revolution Francaise, 1796), Über den menschlichen Verbund (L’éclair sur l’Association Humaine, 1797), Das Krokodil Oder: Der Kampf zwischen Gut und Böse (Le crocodile ou la Guerre du bien et du mal, 1798), Der Dienst des Geistmenschen (Le ministere de l’Homme- Esprit, 1802), um nur die wichtigsten seiner Werke zu nennen.

Saint-Martin übersetzte einige der Werke von Jakob Böhme, wie: Aurora oder Morgenröte im Aufgang, Über die Wurzeln der Philosophie, oder Über Astrologie und Theologie. Diese Arbeit wurde 1800 veröffentlicht und 1927 (auf Französisch) in Mailand neu aufgelegt.

Dieses Buch war eine Art Verschmelzung der Gedanken von Böhme und Saint-Martin. Deshalb schrieb Letzterer in seinem Vorwort:

„Meine Leser werden zustimmen, dass meine Aufgabe als Übersetzer als solche schon schwer genug war, wenn sie erfahren, dass selbst die gebildetsten deutschen Muttersprachler nur mühsam die Sprache von Böhme verstehen. Einerseits, weil er sich sehr altertümlich, derb und etwas unsauber ausdrückt. Andererseits, weil er sehr tiefgreifende Themen behandelt, die gewöhnlichen Menschen fremd sind. Wenn sie wissen, dass die deutsche Sprache besonders für solche Themen mannigfaltige Worte hat, von denen jedes eine Unmenge verschiedener Bedeutungen birgt, dass mein Autor ständig solch unentschlossene Worte wählt und dass ich die jeweilige Bedeutung begreifen und der jeweiligen Verwendung entsprechend anpassen musste…“

Auszüge aus den Werken von Saint-Martin

Um einen Einblick in die Lehre von Saint-Martin, den Martinismus, zu geben, werden wir einige Passagen seiner Werke zitieren, die einer Sammlung entnommen sind, die André Tanner 1946 veröffentlichte.

Die erste heißt: „Anfang und Ende des Menschen“ (Origine et fin de l’homme), entnommen aus dem Tableau Naturel. In dieser Passage kann man den Einfluss von Martines de Pasqually und der Wiedereinsetzungs-Lehre gut erkennen.

„Wenden wir uns von den frevelhaften und unsinnigen Vorstellungen über das Nichts ab, dem Verblendete unsere Herkunft zuschreiben. Entwürdigen wir nicht unsere Existenz: Sie ist eine erhabene Auszeichnung, kann jedoch nicht mehr als ihr Ursprung sein. Denn einfachen physikalischen Gesetzen zufolge kann sich ein Lebewesen nicht höher erheben als bis zu der Stufe von der es herabgestiegen ist. Allerdings würden diese Gesetze nicht mehr wahr und allgemein gültig zu sein, wenn der Ursprung des Menschen das Nichts wäre. Alles jedoch deutet auf eine enge Verbindung mit dem Zentrum selbst, dem Ursprung alles Immateriellen und Körperlichen, hin, da wir kontinuierlich danach streben uns beides einzuverleiben und alle Tugenden um uns daran anzuknüpfen.“

„Wir stellen fest, dass diese Lehre über die Entstehung des menschlichen Verstandes übereinstimmt mit der, die uns lehrt dass unsere Entdeckungen nichts weiter als Erinnerungen sind. Man könnte sogar sagen, dass diese beiden Lehren stützen sich gegenseitig: denn wenn wir einer universellen Quelle der Wahrheit entsprungen sind, dürfte uns keine Wahrheit neu erscheinen; umgekehrt, wenn keine Wahrheit uns neu erscheint, sondern wir in ihr nur die Erinnerung an das oder die Darstellung dessen wahrnehmen, was in uns verborgen liegt, wir die Quelle der universellen Wahrheit kennen. Man könnte darüber hinaus sagen, dass alle Lebewesen, die in der temporären Region geschaffen wurden und aus ihr hervorgingen, folglich auch der Mensch, alle an der selben Aufgabe arbeiten, die darin besteht ihre Ähnlichkeit mit ihrem Ursprung wiederzufinden, d.h. ohne Unterlass zu glauben bis sie an dem Punk angelangt sind, an dem sie ihre Früchte hervorbringen, wie er die seinen in ihnen hervorgebracht hat. Dadurch, dass der Mensch Erinnerung an das Licht und die Wahrheit hat, beweist er also, dass er herabgestiegen ist von dort, wo das Licht und die Wahrheit wohnen.“

Die folgenden Überlegungen über Zeit und Raum sind deutlich metaphysisch:

„Zeit ist nichts als eine Spanne zwischen zwei Handlungen: Sie ist nichts als ein Zusammenziehen, eine Unterbrechung in den Möglichkeiten eines Lebewesens. Und jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment nimmt und gibt der höhere Ursprung den Lebewesen ihre Stärke und aus diesem Wechselspiel entsteht die Zeit. Beiläufig kann ich anmerken, dass auch Weite dieses Wechselspiel belegt, dass auch sie dem gleichen Fortschreiten unterworfen ist wie die Zeit: Das heißt, dass Zeit und Raum proportional sind. Lasst uns zuletzt Zeit wie den Raum zwischen zwei Linien betrachten, die einen Winkel bilden. Je weiter die Lebewesen vom Scheitelpunkt entfernt sind, desto mehr müssen sie ihre Handlung unterteilen, um sie zu beenden oder um den Raum zwischen den beiden Linien zu durchqueren; je näher sie jedoch an die Spitze des Winkels kommen, desto mehr vereinfacht sich die Handlung: Beurteilen wir danach was die Vereinfachung der Handlung sein muss im Ursprungsdasein, das die Spitze des Winkels darstellt. Dort muss ein Lebewesen nur sein eigenes Wesen durchqueren um all seine Handlungen und all seine Stärke zu erlangen. Zeit ist völlig unwichtig…“ (S. 91-92).

Hier ist eine Passage, die auch unsere modernen Physiker nicht dementieren würden:

„Es steht außer Frage, dass Materie nur durch Bewegung besteht; wir können das sehen wenn ein Körper desjenigen beraubt wird, der ihm für eine zeitlang gegeben wurde – er löst sich auf und verschwindet unmerklich. Durch die gleiche Beobachtung wird belegt, dass die Bewegung, die dem Körper Leben einhaucht, nicht dem Körper selbst gehört, da wir erkennen können, wie er in sich stirbt noch bevor er in unseren Augen seine Empfindsamkeit verliert; Wir können nicht anzweifeln, dass er völlig abhängig ist, da das Ende der Bewegung der erste Schritt zu seiner Zerstörung ist. Schließen wir deshalb daraus, dass wenn alles verschwindet sobald die Bewegung fehlt, Raum nur existiert, weil es Bewegung gibt, was etwas ganz anderes ist als die Behauptung, dass die Bewegung in und um den Raum sei…“ (S. 95)

Auszüge aus Irrtümer und Wahrheit

Saint-Martin nennt den Anwärter für spirituelle Einweihung den Suchenden. Hier sind einige Zeilen aus seinem Werk „Der Dienst des Geistmenschen“, die diese Bezeichnung erklären:

„Einerseits liegt die Pracht des naturgegebenen menschlichen Schicksals darin, nur nach einer Sache wirklich und gänzlich zu verlangen, die der Mensch wirklich und gänzlich schaffen kann. Diese Sache ist das Verlangen nach Gott. Nach allen anderen Dingen, die den Menschen unterhalten, verlangt er nicht wirklich, sondern er ist deren Sklave oder Spielzeug. Andererseits ist die Herrlichkeit seines Daseins aber auch, jederzeit wahrhaftig und gänzlich nur nach den guten Gesetzen handeln zu können, die ihm von der einzigen Macht aufgetragen werden, die gerecht, gut, konsequent, wirksam und im Einklang mit dem ewigen Bestreben ist, sowie dies ein Herr mit seinem Bediensteten tut.“

Martinismus ist christlich aber nicht katholisch

Wir sagte aus gutem Grund, dass der Martinismus in der Essenz eine christliche Lehre ist, da sie sich an der Basis auf die christliche Religion bezieht – unabhängig von jeglicher kultureller Form, aber er ist nicht katholisch. Um sich davon zu überzeugen genügt es, sich einige Angriffe von Saint-Martins auf den Katholizismus zu betrachten:

„Katholizismus, der selbst als Religion bezeichnet wird, ist ein Weg voller Prüfungen und harter Arbeit, um ins Christentum aufgenommen zu werden. Das Christentum ist ein Hort der Freilassung und der Freiheit; Katholizismus ist nichts weiter als die Bildungsanstalt des Christentums; er ist eine Religion bestehend aus Regeln und Disziplinierung des Neulings.

Das Christentum erfüllt die ganze Welt mit dem Geist Gottes. Katholizismus erstreckt sich nur über einen Teil des Erdballs, obwohl sein Name ihn universell erscheinen lässt.

Das Christentum trägt unseren Glauben bis in die erleuchtete Residenz des ewigen Wortes Gottes. Der Katholizismus beschränkt den Glauben auf das geschriebene Wort oder auf Traditionen.

Das Christentum erweitert unsere intellektuellen Fähigkeiten und fördert deren Einsatz. Der Katholizismus engt ein und begrenzt diese Fähigkeiten. Das Christentum zeigt uns unverhüllt Gott in uns, ohne Zuhilfenahme von Riten und Formeln. Der Katholizismus lässt uns allein damit, Gott unter einem Berg von Zeremonien zu finden. Im Christentum gibt es keine Klöster und keine Eremiten, weil es sich genauso wenig isolieren kann, wie die Sonne und weil es – genau wie das Sonnenlicht – seinen Glanz überallhin strahlen lassen möchte. Der Katholizismus ist es, der die Wüsten mit Einsiedlern und die Städte mit Religionsgemeinschaften übersäht – die einen, um sich in der Einsamkeit einträglicher ihrer eigenen Erlösung hingeben zu können, die anderen, um der frevelhaften Welt Tugend und Frömmigkeit vorzuführen, die sie aus ihrer Lethargie aufrütteln sollen.

Im Christentum gibt es keine Unterteilungen, da es eine Lehre der Einheit ist, und Einheit selbst nicht gespalten werden kann. Aus dem Schoße des Katholizismus entsprangen viele Abspaltungen und Unterteilungen, welche die Herrschaft der Teilung vorantreiben anstatt die Eintracht zu fördern. Es gibt im Katholizismus, wenn er sich selbst für im höchsten Maße rein hält, keine zwei Anhänger, deren Glauben gleich ist. Das Christentum hat nur der Sünde den Krieg erklärt. Der Katholizismus dem Menschen.“ (S. 163 ff).

Die Lehren von Louis-Claude de Saint-Martin

Martinismus, von dem man behauptet wird, dass im nur eine Philosophie, wie der „Cartesianismus“ von Descartes oder der „Spinozismus“ von Spinoza sei, ist tatsächlich eine sehr hohe Form der Spiritualität, die demjenigen, der sie besitzt, eine Sichtweise der Welt verleiht, die losgelöst von allen irdischen Berührungspunkten ist.

„Indem der Mensch die Wissenschaft seiner eigenen Großartigkeit entdeckt, lernt er dass sein Intellekt der wahre Tempel wird, wenn er sich auf eine allumfassende Grundlage stützt und die Fackeln, die ihn erleuchten müssen, das Licht der Gedanken sind, die ihn umgeben und ihm überallhin folgen; er lernt, dass das Opferlamm sein Vertrauen in die notwendige Existenz des Prinzips von Ordnung und Leben ist; es diese brennende und fruchtbare Überzeugung ist vor der Tod und Dunkelheit schwinden; er lernt, dass seine Gebete die Düfte und Gaben sind, sein Verlangen, sein Eifer diese einzigartige Einheit beherrschen zu dürfen, dass der Altar das ewige Abkommen ist, das auf seiner eigenen göttlichen Herkunft errichtet ist und an dem sich Gott und Mensch einfinden, damit der eine dort seinen Ruhm findet, der andere sein Glück. Kurz: Dass das Opferfeuer, das niemals löschen darf, dieser göttliche Funke ist, der dem Menschen Leben einhaucht und der ihn, wenn er seinem einfachen Gesetz folgt, auf ewig auf dem Pfad zum Himmelsthron brennt wie eine helle Lampe, um denen den Weg zu leuchten, die von ihm abgekommen sind. Denn am Ende darf der Mensch nicht mehr anzweifeln, dass er nur am Leben ist, um lebendiger Beweis des Lichtes und der Göttlichkeit zu sein.“

Dieses Zitat aus dem Tableau Naturel veranschaulichen gut, dass für Saint-Martin der Geist des Menschen der einzig wahre Tempel ist.

Saint-Martins Auffassung über die Erkenntnis

Die Wahrheit zeigt sich in jedem Phänomen des Universums. Detaillierte Erkenntnisse sind demjenigen zugänglich, der darüber nachdenken und sie verstehen kann. Dies ist die Einführung von Saint-Martin in seinem Werk Tableau Naturel. Tatsächlich kann man das ganze Universum mit einem Buch vergleichen:

Der erste Bestandteil ist der Schriftsteller oder die schaffende Natur. Die Natur, das geschriebene Buch oder die geschaffene Natur. Der Mensch ist der Leser.

Der Leser versteht jedoch nicht oder oft nur schlecht die genaue Bedeutung der Buchseiten. Um diese Intelligenz zu erlangen, bedarf es geduldigen Nachsinnens.

Saint-Martin unterscheidet zwei Wesen im Menschen: das fühlende und das denkende. Das erste zeigt sich im Antreiben der Sinne und das zweite in der Befreiung des Geistes.

Der schöpferische Gedanke ist dem vom Menschen geschaffenen Objekt überlegen und geht ihm voraus, denn der Mensch „denkt sich eine Maschine aus, bevor er diesen Gedanken umsetzt“.

Von wem oder was hat der Mensch seine Fähigkeit zu denken? Woher kommt seine körperliche Existenz?

Man kann unmöglich denken, dass die Welt durch Zufall entstanden ist. Wenn wir vor einer von Menschenhand gemachten Maschine stehen, können wir hoffen nur dadurch, dass wir sie untersuchen, den Menschen, der sie gebaut hat, zu erkennen – erst seine Gestalt, dann seine geistigen Fähigkeiten?

Trotzdem stellen die Materialisten beim Erforschen der Welt fest, dass sie funktionstüchtig ist. Sie untersuchen aufmerksam den gesamten Mechanismus, sie starren auf das exakte und präzise Zusammenspiel aller Organe und sind erstaunt, wenn man zu bedenken gibt, dass es einen „Erfinder“ außerhalb der Maschine geben könnte! Unsere Entdeckungen auf allen Gebieten machen nur den Zusammenhang zwischen unserem eigenen Licht und den Dingen offenkundig. Diese Abhängigkeit des Menschen von wahrnehmbaren Dingen, lassen den Gedanken entstehen, dass es eine Macht gibt, eine höhere Weisheit. Alle philosophischen und religiösen Lehren tendieren zur Einheit.

Martinismus ist ganz und gar die Lehre der Einheit. Keine Religion, keine Philosophie respektiert die Individualität derjenigen, die sich ihr anschließen, mehr als der Martinismus. Diese Lehre erhebt den Menschen spirituell und „von innen heraus“. Das ist der Grund, warum er wahrlich esoterisch ist.

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